Theorie und Praxis als Interpretamente von Philosophie und Politik
in: Vom Nutzen der Philosophie für die Politik, hrsg. von Hans-Georg Mühleisen, Frankfurt/Main, 2000
Wo immer Philosophen mit politischer Macht zusammentrafen, sind sie gescheitert [1] . Von Aristoteles bis Kant, von Platon bis Jaspers - war ihr Bemühen wirklich vergebens? Die sehr subjektive Äußerung will sicherlich nicht besagen, daß die Philosophie keinen Beitrag zur praktischen Politik zu leisten hätte, sie will vielmehr auf die offensichtliche Diskrepanz von ihrer Mahnung und ihrer Rede zum erfolgten Umsetzen an der politischen Basis aufmerksam machen. Mit anderen Worten: hinweisen auf die Diskrepanz zwischen Politik und Philosophie - oder: Praxis und Theorie -, die auch nach 2000 Jahren abendländischer Politik- und Philosophiegeschichte nach wie vor zu bestehen scheint [2] .
Dieser Beitrag beschäftigt sich nicht mit der Frage, welches politische System sich philosophisch am besten rechtfertigen läßt und stellt auch nicht politische Staatstheorien auf, sondern möchte die Verflechtung [3] von Politik und Philosophie untersuchen legt den Schwerpunkt auf die Analyse ihrer (Nicht-) Wechselbeziehung in der heutigen Zeit.
I. Wie stellt sich Politik heute dar?
Klassisch philosophisch gesehen stellt Politik einen Teil der praktischen Philosophie dar (nach Aristoteles). Sie ist auch der Ort, an dem Geschichte gemacht und geschrieben wird. Politik ist also Handeln mit Zweck und Zielsetzung. Geschichtliches Handeln definiert sich heute jedoch vor allem als technisches und technologisches Verständnis. Dieses Verständnis verzichtet auf die teleologische Fragestellung seines Tuns.
Es ist zwar die erste Aufgabe der Politik, die gesellschaftlichen Bedingungen der Menschen in ihrem System zu organisieren: wie diese Aufgabe und mit welcher Ernsthaftigkeit sie wahrgenommen wird, bleibt eine kritische Anfrage auch an die Volksvertreter in einem demokratischen System. Es sind eindeutige Tendenzen sicht- und spürbar, daß Begründungen und Letztbegründungen, Fragen nach dem Worum-willen, nach der Intention einer einzelnen Entscheidung und global nicht gestellt. Politik richtet die Wirklichkeit in Staat und Gesellschaft auch in demokratischen Systemen allzuoft nach dem persönlichen Wollen Einzelner aus.
Die antiken Forderungen, daß Philosophen die Geschicke des Staates lenken sollen, sind in modernen Zeiten nicht mehr aktuell. Heutzutage ist die Philosophie mit ihren Vertretern an den Universtitäten beheimatet, die Volksvertreter in den Parlamententen. Darüberhinaus gilt das politische Geschäft nicht mehr unbedingt als makellos. Es ist mit einem schlechten Ruf behaftet; zugleich macht sich Politikverdrossenheit breit, nicht zuletzt deshalb, weil spürbar ist, daß politisches Tun oft nur vodergründiges Agieren darstellt - zum Zwecke der Machterhaltung und -ausübung und somit jeder ethischen oder anderen fundamentalen Basis entbehrt, mit der die Staats- und Völkergeschäfte sinnvoll geregelt werden könnten.
II. Kurzcharakteristik von Philosophie
Philosophie ist Erkennen, sie bemüht sich, das Wissen um das Ganze zu erfahren, zu erkennen und zu explizieren. Sie will von Sein und Wirklichkeit erfahren und wissen und hat als Ziel, die Gesamtwirklichkeit zu begreifen und damit auch wieder zu beeinflussen.
III. Theorie und Praxis als theoretische Interpretamente von Philosophie und Politik
Wenn Philosophie die Gesamtzusammenhänge im Leben zu erkennen versucht (und es ihr auch gelingt), hat sie damit auch einen Einfluß auf die Politik, die praktisch im menschlichen Leben agiert. Philosophie ist - wie erwähnt - nicht nur auf erkenntnistheoretische Vorgänge fixiert, sondern weiß auch um deren konkrete Umsetzung. Dazu bedient sie sich der Politik. Es polarisieren sich heute Theorie auf der einen Seite (Philosophie) und Praxis auf der anderen (Politik). Die Pole, die sich in den meisten Fällen unzusammenbringlich gegenüberstehen, müssen nun im folgenden näher untersucht werden, um sie zu einem dialektischen Verhältnis zu führen. Denn getragen ist diese Überzeugung davon, daß die Philosophie die Basis für die Politik bildet, ihr Fundament liefert, und die Politik erst dann gut und moralisch richtig handeln kann, wenn sie diese Grundlagen bedenkt. Sie selbst kann es nicht - auch als Wissenschaft - und ist deshalb darauf angewiesen, auf die Stimme der Theorie zu hören.
Im ursprünglichen Verständnis stellen Theorie und Praxis eine Einheit dar, so daß eine Gegenüberstellung abstrakt wirken muß; jedoch scheint die theoretische Analyse von Praxis gerade den Praktikern am fremdesten zu sein. Es mangelt am Bewußtsein um eine Theorie der Praxis:
Die Ambivalenz im Begriffe der Praxis, der sowohl freies Handeln als auch produktive Arbeit meint, stellt sich zwangsläufig ein, wo Praxis wie ein Zauberwort immer wieder angerufen und als endliche Lösung aller spekulativen Probleme mit Macht gefordert wird, ohne je im eigentlichen Sinne theoretisch begriffen zu sein. [4]
1. Theorie
Theorie ist die Grundlage für die Praxis. Vor allem heute ist diese Ansicht sehr rationalistisch durchdrungen, nämlich in dem Sinne, daß jede theoretische Erkenntnis praktischen Nutzen bringen muß [5] . Die griechische Theoria hat in der Antike Vorrang vor der Praxis und beschreibt die Gesamtheit aller intellektueller Erkenntnis. Die Theorie der Theorie untergliedert sich in den Erkenntnisakt und den Willensakt.
a) Erkenntnis
Erkenntnis ist ein intentionaler Akt, der auf das Insein des Erkannten im Erkennenden [6] zielt. Erkennen und Erkenntnis ist wertneutral und befähigt zugleich zum Handeln, genauer: zum wertorientierten Handeln. Damit weist der Erkenntnisakt über sich hinaus und fordert eine Entscheidung im Handeln und Wollen heraus. Im Erkennen selbst lebt die Erkenntnis zugleich zum absoluten Bezug zur Wahrheit und verweist uns damit in den Bereich der Werthaftigkeit und des Willen. Zugleich ist eine grundlegende Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis: Freiheit. Erkennen ist nur möglich aus Freiheit.
Denn der ausdrückliche Vollzug der Freiheit des Wollens und Handelns, der voll bewußten Entscheidung ist erst durch intellektuelle Erkenntnis möglich. Erkenntnis hat eine wesentlich vermittelnde Funktion insofern sie die Grundfreiheit voraussetzt, in der Freiheit der Entscheidung aber vorausgesetzt ist. [7]
b) Strebebewegung
Streben beschreibt gleichermaßen einen intentionalen Akt. Da Passivbildungen bei diesem Verb nicht möglich sind, weisen sie schon darauf hin, daß der Ursprung des Strebens nicht außerhalb, sondern beim Strebenden selbst zu suchen ist. Weiter zielt die Strebebewegung darauf ab, nicht nur etwas vorzustellen und es auch zu bejahen, sondern es zugleich zu realisieren. Sie enthält ein Moment des Willentlichen, des Affirmativen.
Die wichtigste und reinste Form des Strebens verkörpert der Wille. Er bzw. das Wollen beschreiben einen Grundakt des menschlichen Seins: die Bejahung eines Wertes oder die Liebe. [8] Der Gegenstand des Wollens ist der Wert. In einem erweiterten Sinne muß das Sein schlechthin als Wert betrachtet werden, der Wille hat somit einen uneingeschränkten Gegenstandsbereich, er zielt auf alles, was gut erscheint. Er ist das geistige Vermögen des Menschen, Werte zu bejahen. Dieses Verständnis von Streben zielt in Richtung Praxis: Praxis als menschlich sittliches Handeln. Das heißt, analog der weiteren Ausführung zu Praxis, daß verantwortliches Leben, sofern es als sinnvoll gedacht werden soll, letztlich nicht als Herstellen, sondern als Handeln im engeren Sinn, als Praxis, verstanden werden muß [9] . Wer lebt, stellt nichts her, sondern vollzieht sein Leben mit allen seinen Facetten. Ethik muß in diesem Zusammenhang zwar praxisorientiert, aber theoretisch begründet sein. Gerade im Hinblick auf ethische Erkenntnis oder Emanzipation kann Praxis als faktisch Gegebenes (...) nicht als Kriterium dienen, sondern bedarf selbst der Rechtfertigung aus einem von ihrem Vollzug unterschiedenen Grund. [10]
Dort jedoch, wo das Gute mit dem Willen weder identisch noch anderweitig verbunden ist, mutiert der Wille zum einfachen Streben. Er stellt in diesem Fall ein sinnliches Streben dar, einen Trieb, welcher ausschließlich auf den Bereich sinnlicher Annehmlichkeitsgüter abzielt. Oder anders formuliert: Streben wird hier als Herstellen, als das Abzielen auf ein Produkt verstanden, das Ziel des Strebens liegt außerhalb des Strebenden. Dies stellt einen Minimalbegriff von Streben dar.
Daraus folgt im weiteren: In Freiheit zu wollen und sich zu entscheiden, verantwortungsvoll sich einzusetzen für einen Wert oder ein Ziel, ist nur möglich auf Grund intellektueller Erkenntnis, in der wir die Möglichkeiten erkennen, abwägen und beurteilen. [11]
2. Praxis
Eine etymologisch andere Umschreibung für Praxis lautet: etwas zu Ende führen, ausrichten, bewirken, zustande bringen, erreichen. [12] Praxis beschreibt jede Art von Tätigsein außerhalb der Erkenntnis [13] . Dieses Tätigsein - darauf weist schon die Scholastik hin - kann nicht nur nach dem Muster gegenstandsbezogenen Schaffens [14] erfolgen oder nur auf Lebensvollzüge eingeschränkt werden. Praxis beschreibt vielmehr das Handeln in praktischer, sittlicher und auch politischer Richtung. Vor allem bei Platon findet sich die etymologische Gleichsetzung von gut handeln und Wohlergehen; ein weiterer Beleg für die Wichtigkeit der Praxis.
Die klassische aristotelische Differenzierung im Praxis-Begriff scheint gerade in bezug auf politische Zusammenhänge aktuell zu sein. In einer anderen Weise beschreibt der Praxis-Begriff im aristotelischen Verständnis wieder zwei Grundweisen des Strebens. Man unterscheidet in diesem Sinne:
· Praxis als unabgeschlossene Bewegung, die ihr Ziel außerhalb ihrer selbst hat - dies entspricht dem Machen, der poiesis
· Praxisvollzüge, die selbst ihr Ziel sind - dies entspricht dem Handeln, der Praxis
Nur letzteren schreibt Aristoteles das Prädikat der eigentlichen Praxis zu. Sie ist die energeia, eine Wirklichkeit oder Tätigkeit, die ihr Werk und ihr Ziel in sich hat. Hierzu gehört z.B. der Lebensvollzug, aber auch Denken und dergleichen.
Bestimmt ist, daß Machen dem Handeln untergeordnet wird, aber das Handeln nicht per se besser ist. An dieser Stelle nimmt Aristoteles eine weitere entscheidende Differenzierung vor, um im Verhältnis von Theorie und Praxis der Theorie den Vorrang einzuräumen, ohne die Praxis zu verlieren. Er betont, daß Eudaimonia, das geglückte und glückselige Leben, als Ziel aller menschlicher Praxis selbst wieder eine Praxis darstellt. So ist nach diesen Ausführungen das praktische Leben das beste Leben. Theorie ist nunmehr eine Form von Praxis, aber die theoretische Praxis ist die höherrangige Form der Praxis. Das heißt, die Theorie als Lebensform ist die Praxis im eigentlichen Sinne: gegenüber einer Praxis die nach außen gerichtete Handlungen beschreibt, die dann wiederum in sittliches Handeln und dem einfachen Vorgang des Herstellens zu unterscheiden sind.
3. Zusammenfassung
Die klassische Interpretation von Theorie und Praxis nach Aris-toteles, die aber bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat, zeigt, wie die beiden Komponenten miteinander verbunden sind und wie sehr sie aufeinander angewiesen sind. Trotz der aristotelischen Bevorzugung der Theorie wird klar, daß keiner der beiden Pole ohne den anderen sein kann. Auch wenn der Theorie der Vorzug gegeben wird, ist sie damit nicht per se besser und kann ohne die Praxis nicht bestehen. Denn: nichts dient der Praxis besser als eine gute Theorie... [15]
IV. Praktische Konsequenzen für das Verhältnis von Politik und Philosophie
Auch wenn Aristoteles der Theorie den Vorzug vor der Praxis gibt, so ist doch eindeutig, daß es sich hier mehr um eine logische Spielerei handelt als um eine sachliche Tatsache. Handeln ist zwar dem Machen nachgeordnet, aber graduell nicht besser. Das heißt: Politik muß einerseits etwas herstellen, indem sie politisches Alltagsgeschäft betreibt. Gleichermaßen muß Politik aber auch im Sinne von Praxis als Handeln betrieben werden. Politik und politische Entscheidungen können nicht willkürlich getroffen werden, sondern in reflektierenden Weise. Der Entscheidungsspielraum ist immer eingeschränkt, sofern eine moralisch richtige und gute Lösung angestrebt wird. Die Abgabe der Macht des Volkes an ihre Vertreter ermöglicht es letzteren, nach eigenem Willen oder Gutdünken zu entscheiden und zu handeln. Die Fähigkeit, Erkenntnisse zu haben und damit den Willen zum Wert zu dokumentieren, ist ein Akt, der über das politische Geschäft hinausweist. Im philosophischen Erkennen kann der Politiker (und nicht nur er) den Bezug zur Wahrheit herstellen. So wird er Wahrheit, das wahrhaft Guten und Werthafte intendieren und es politisch und praktisch umsetzen. Das Gute erkennen kann die Politik nicht aus sich heraus, sondern nur über sich hinausgreifend - in und mit der Philosophie. So kann die Philosophie die theoretische Grundlage für praktisch und sinnvoll orientiertes politisches Handeln zu Gunsten der ihr anvertrauten Menschen geben.
In der Skizzierung des Idealbildes vom Zusammenspiel von Politik und Philosophie ist ebenso evident, daß es den idealisierten Zustand derzeit nicht gibt und sicherlich auch nie gegeben hat. Vielmehr soll die Analyse der beiden Bereiche zeigen, daß Theorie und Praxis nicht weit auseinanderliegen, vielmehr eine Einheit bilden und es sehr viel Sinn macht, im politischen Alltag diesen Zusammenhang wieder in Erinnerung zu rufen. Es entscheiden in einer Demokratie keine Gründe, sondern Stimmen. Genauso wichtig wie einen Abstimmungsmodus zu haben, ist es, Hintergründe zu bedenken und die reflektierenden Stimmen zu Wort kommen zu lassen, was in aktuellen politischen Diskussionen vermißt wird.
Die einzelnen Aufgaben von Philosophie in bezug auf Politik können wie folgt praktisch und konkret benannt werden:
1. das Verhältnis von Philosophie und Politik zu erleuchten
2. das Verhältnis selbstkritisch zu hinterfragen
3. die Bedingungen der Möglichkeit für Politik zu ergründen
4. der Politik die theoretischen Grundlagen zu weisen für de-ren praktisches Tun; z.B. ethische Handlungsrichtlinien zu bieten, Schaffung eines sprachlichen Konsens in den Begriffen u.a.
5. ständige Mahnerin zu sein.
Das Verhältnis seitens der Politik kann sich in folgenden Punkten manifestieren:
1. ständiger Dialog zwischen Politik und Philosophie
2. kritische Diskussion in politischen Parteien über praktisches Tun
3. Reflexion des eigenen Tuns und politischen Denkens
4. Dialog als Grundlage des politischen Tuns, da Philosophie kritisch, überparteilich und konstruktiv ist
Das Verhältnis der beiden Pole zueinander kann nicht so beschrieben werden, daß einer der Agens und der andere der Respondens ist, sondern sie stehen vielmehr in einem kreisähnlichen Verhältnis und sind rückbezüglich. Veränderungen in der einen Disziplin wirken sich auf die andere aus - sofern diese es zuläßt.
Ein Spezialfall: Macht
Ein besonders zu berücksichtigendes Moment ist das Problem der Macht. Macht ist eine Kraft oder ein Vermögen, das Mögliche wirklich zu machen [16] . Sie ist das, was mit dünamis oder potentia in der Tradition beschrieben wurde: Kraft, Vermögen, Stärke, aber auch Autorität. Damit beschreibt sie nichts anderes, als das Strebevermögen sinnvoll, zielgerichtet und ethisch reflektiert umzusetzen und in der Politik für das betroffene Gemeinwesen einzusetzen. Gerade die Antike sah hierin weniger die Möglichkeit des Machtmißbrauchs, wenn ihre Vertreter davon ausgingen, daß Philosophen mit ihrem reflektierten Wissen die Staatsgeschäfte führen sollten. Hingegen definierte Max Weber für die Neuzeit Macht anders. Er beschreibt sie als jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzuführen, gleichviel worauf diese Chance beruht [17] . In der Macht liegt ursprünglich ein Streben, ein Streben, den (eigenen) Willen durchzusetzen. Dieser Wille muß von guten Absichten getragen sein und darf nicht willkürlich sein, soll Macht sinnvoll und begründet sein. Ansonsten mutiert Macht, sie strebt danach, sich immer selbst mehr zu vergrößern und strebt nach Macht um ihrer selbst willen. Machtmißbrauch ist schnell möglich bei der Abkoppelung der Macht von ihrem sinngebenden Ursprung.
V. Plädoyer für die Gemeinsamkeit
Philosophie und Politik haben in jedem Fall eine hervorstechende Gemeinsamkeit: sie betreffen das gesamte Dasein des Menschen in verschiedener und doch gemeinsamer Hinsicht. In verschiedener Hinsicht unter dem Gesichtspunkt, daß Politik den praktischen Arm der Philosophie verkörpert: Philosophie und Politik stehen zwar wie Theorie und Praxis zueinander - und sind somit zwar verschieden, aber damit nicht nicht-zusammenbringbar. Sondern sie haben vielmehr gemeinsam, daß sie beide das Leben, sowohl das alltägliche praktische Dasein des Menschen betreffen, wie auch die Reflexion desselben. So muß das Vorurteil revidiert werden, daß Philosophie und Politik sich kontradiktorisch gegenüberstehen und keinerlei Berührungsmomente haben. Wichtig ist, daß die Politik - repräsentiert in den Mandatsträgern -, wieder mit den Philosophie in den Dialog tritt und bereit ist, auf ihre Stimme zu hören. Damit wird ihr politischerseits nichts an Macht (in positivem Sinn) und Möglichkeiten genommen. Politik hat aber zum Wohl der Menschen die moralische Verpflichtung, das Beste für die ihr anvertrauten Menschen zu tun. Dies kann sie nur interdisziplinär und offen, angstfrei und ehrlich erreichen. Ansonsten degradiert sie zum puren Machterhalt und wird zum Selbstläufer mit allen bekannten schlechten Auswirkungen. Deshalb ergeht das Plädoyer an die politische Seite, auf die philosophischen Stimmen zu hören (auch wenn sie unbequem sind), sich auf einen Dialog mit den Philosophen einzulassen und vor allem das Gespräch auch in den eigenen politischen Reihen (kontrovers) fortzuführen. Umgekehrt ergeht das Plädoyer an die Philosophen, sich nicht im unversitären Elfenbeinturm einzuschließen, sondern nach draußen zu gehen, das politisch-philosophische Gespräch zu suchen und auch den Mut zu haben, in den politischen Reihen das oft aussichtslose Gespräch um Grundsätze und Hintergründe immer wieder neu aufzunehmen und nicht mutlos zu resignieren. Das Wohl der Menschheit im eigenen Land und weltweit kann nicht Konkurrenz, sondern nur Gemeinsamkeit sichern. Politik und Philosophie sind aufgerufen, dazu beizutragen.
Literaturangaben
Brinkmann, Klaus, Politische Philosophie, Staat-Recht-Politik, Stuttgart 1995
Brugger, Walter, Wörterbuch der Philosophie, Freiburg 171976
Bubner, Rüdiger, Theorie und Praxis - eine nachhegelsche Abstraktion, Frankfurt/Main 1971
Coreth, Emerich, Theorie und Praxis als philosophisches Problem, in: Köchler, Hans (Hg.), Philosophie und Politik, Dokumentation eines interdisziplinären Seminars, Innsbruck 1973
Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Ritter Joachim und Gründer, Karlfried, Band 5 + 7, Darmstadt 1989
Höffe, Ottfried, Ethik und Politik, Frankfurt/Main 1979
Hörster, Detlef, Politik als Pflicht, Frankfurt/Main 1973
Knauss, Gerhard, Karl Jaspers: Philosophie wider die Politik, in: Böversen, Fritz (Hg.), Philosophie der Politik, Ein Symposium zum 100. Geburtstag von Karl Jaspers, Wuppertal 1984
Landgrebe, Ludwig, Über einige Grundfragen der Philosophie der Politik, Köln 1969
[1] Knauss, Gerhard, Karl Jaspers: Philosophie wider die Politik, in: Böversen, Fritz (Hg.), Philosophie der Politik, Ein Symposium zum 100. Geburtstag von Karl Jaspers, Wuppertal 1984, 25
[2] Die Arbeit beschränkt sich dabei auf die abendländische Geschichte und auch Philosophie.
[3] ohne diese wiederum erst selbst aufzuweisen, sondern als angenommen vorauszusetzen
[4] Bubner, Rüdiger, Theorie und Praxis - eine nachhegelsche Abstraktion, Frankfurt/Main 1971, 30
[5] Coreth, Emerich, Theorie und Praxis als philosophisches Problem, in: Köchler, Hans (Hg.), Philosophie und Politik, Dokumentation eines interdisziplinären Seminars, Innsbruck 1973, 23
[6] Art. Erkenntnis, in: Brugger, Walter, Wörterbuch der Philosophie, Freiburg 171976, 90
[7] Coreth, a.a.O., 25
[8] cf. Art. Wille, in: Brugger, a.a.O., 465
[9] Höffe, Ottfried, Ethik und Politik, Frankfurt/Main 1979, 322
[10] Brugger, a.a.O., 304
[11] Coreth, a.a.o., 25
[12] cf. Art. Praxis, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Ritter Joachim und Gründer, Karlfried, Band 7, Darmstadt 1989, Spalte 1277
[13] Art. Theorie, in: Brugger, a.a.O., 402
[14] Art. Praxis, in: Brugger, a.a.O., 304
[15] Coreth, a.a.O., 29
[16] Art. Macht, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 5 a.a.O., Spalte 585
[17] ebd., 611